Partner

gebr_frank.jpg
verlag_dr_frank_gmbh.jpg
onicom.de.jpg
gera.jpg
RPG_Logo_1.jpg


Hinweise

acrobat_reader.jpg

Button_E_paper.png

Schlagzeilen der Woche

zurück

In die Welt des Henry van de Velde eingetaucht

In der Medizin hat sich Dr. Volker Kielstein einen Namen gemacht. Er gründete vor knapp 50 Jahren in Magdeburg die erste Gruppe Alkoholabhängiger mit nervenärztlicher Betreuung, was durchaus ein mutiger Schritt war. 1978 eröffnete er die erste Suchttagesklinik der DDR. Noch heute ist er Leiter einer Tagesklinik in Magdeburg, die er 1991 privatisiert hat, sowie eines medizinischen Versorgungszentrums für Psychiatrie, Psychotherapie und Suchtmedizin. Er ist Arzt aus Leidenschaft. Eine zweite Leidenschaft führte den Mediziner und seine Frau Rita Kielstein nach Gera. Ein großes Glück für die Stadt, für die Kunst- und Museumslandschaft und ein großes Glück für das Haus Schulenburg.

Das markante Gebäude ist an der heutigen Straße des Friedens nicht zu übersehen. Seit seiner Bauzeit in den Jahren 1913/1914 bestimmt es die Silhouette dieser Straße. Der Textilfabrikant und Kunstsammler Paul Schulenburg hatte die Villa von dem berühmten Bauhaus-Architekten Henry van de Velde errichten lassen. Auf einer Fläche von 4.000 Quadratmeter war ein Gesamtkunstwerk entstanden, das seinesgleichen suchte. Nicht nur der Baukörper, sondern jeder Einrichtungsgegenstand, die Ausstattung, das kleinste Detail von der Tapete, über den Fußboden, die Lampen bis zum Garten trugen die Handschrift des belgischen Designers, der damit den Grundstein für den weltweiten Erfolg des Bauhauses legte. Das Haus diente bis zum Ende des 2. Weltkrieg als Wohnsitz der Familie. In der DDR beherbergte das Gebäude die Medizinische Fachschule und stand seit der Wende leer, war dem Verfall preisgegeben. Die Stadt suchte lange einen Käufer für den historischen Komplex und fand ihn im Ehepaar Kielstein. Da Volker Kielstein aus Gera stammt, kannte er das Gebäude. „Da wir in der Nähe wohnten, bin ich als Kind oft mit meinem Vater hier gewesen und war schon damals beeindruckt“, erzählt er.

1996 begann für das Haus Schulenburg ein anderes Zeitalter. Beim Kauf dachte der Arzt daran, hier eine Zweigstelle seiner Tagesklinik zu eröffnen. Dass es mit einer einfachen Renovierung nicht abgetan war, war dem Ehepaar klar. Die Schäden waren nicht zu übersehen: Undichte Dächer, Wasserschäden, zerbröckelter Sandstein, eingebrochene Mauern, verwilderte Wege und Gartenflächen. Ein Bild des Jammers. Aber das schreckte den kunstinteressierten und couragierten Mann nicht zurück. Eine Reise zum Teil auch Odyssee in die Welt van de Veldes begann.

20 Jahre lang recherchierte das Ehepaar rund um den Erdball, um Haus, Hof, Garten und alle Innenräume wieder im Originalzustand herzustellen und auszustatten. „Da sich die Tagesklinik zerschlagen hatte, blieb nur, das Haus einer kulturellen und musealen Nutzung zuzuführen“, überlegte er. „Im Stadtarchiv Gera fanden wir die Baupläne, im Museum Bellerive in Zürich ein Sammlung von van de Veldes Stoffentwürfen, im Archiv der Kunsthochschule La Chambre in Brüssel Zeichnungen von Möbeln und weiterer Details sowie in der Königlichen Bibliothek in Brüssel unbekannte Fotos von der Gartenanlage. Natürlich halfen uns auch Kontakte zur Familie – eine Tochter lebt in Brasilien – und zu Zeitzeugen“, zählt er auf. Wie ein Detektiv suchte er Spuren nach verbliebenem Einrichtungsinventar und kitzelte auch den Ehrgeiz der Handwerker, sich etwas einfallen zu lassen. Was nicht mehr auffindbar war, wurde originalgetreu wieder hergestellt. „Da ging es zum Beispiel um Marmor, mit dem die Garderobe ausgestattet war. Den gibt es einfach nicht mehr“, war Volker Kielstein fast verzweifelt. Doch dann habe ihn ein Handwerker in einem Steinbruch im Bayerischen entdeckt.

Besonders stolz ist der Bauherr auf die Rekonstruktion der Treppenanlage im Haus. Die Firma Schulz aus Chemnitz, die auch für die Dresdener Frauenkirche Gestühl angefertigt hat, habe sich dabei verdient gemacht. Ebenso lobt er neben vielen anderen die Firma Funke aus Gera-Röppisch, die nach alten Vorlagen mit großer Kunst das Dach wieder mit Schiefer gedeckt hat. Mit Akribie nahm er sich auch die Gartengestaltung vor. „Denn das Besondere“, so sieht er es, „ ist die Verbindung zwischen Architektur, der Innenraumgestaltung und dem Garten“. Auch er sollte wieder erlebbar werden. Das können die Besucher heute. Und sie kommen aus vielen Ländern der Welt und staunen. „Vor allem die Belgier machen große Augen, wenn sie das sehen“, lacht er. Das Bauhausjahr hat die Interessierten in Scharen zur Villa Schulenburg gebracht. Haus und Garten, in dem die 100jährige Eibenhecke wieder in Fasson gebracht wurde, die 100jährigen Linden, die den Eingangshof säumen, alles belebt durch die kauernde in Stein gehauene Brunnenfigur, die bei der Stadt eingelagert war, und der verschwundene bronzene Fischerjunge eines belgischen Künstlers ist wieder am Platz, beeindrucken Historiker, Museologen und alle Liebhaber der Kunst van de Veldes.

Die Kielsteins haben es geschafft, dass das Haus heute ein Anziehungspunkt für Gäste aus nah und fern geworden ist. Wechselnde Ausstellungen der verschiedensten Genres tragen ebenfalls dazu bei. Dabei ist der Komplex selbst eine große Ausstellung, ein Museum der besonderen Art mit Vorträgen, Führungen, einer Kleinkunstbühne und auch Möglichkeiten für kulturelle Veranstaltungen und Feierlichkeiten. Außerdem beherbergt das Haus die Europäischen Vereinigung der Freunde Henry van de Veldes e. V.. Im Oktober diesen Jahres wurde dem Arzt und seiner Frau Prof. Rita Kielstein, die im vergangene Jahr verstarb, eine hohe Ehre zuteil. Er erhielt für das unermüdliche Wirken und der detailgetreuen Instandsetzung des van-de-Velde-Baus, dem letzten Bauwerk, dass der Architekt in Deutschland errichtet hat, den Deutschen Preis für Denkmalschutz, die Silberne Halbkugel. „Das macht mich schon stolz“, bekennt er. Ist nun das Ziel erreicht? Dr. Kielstein winkt heftig ab. „Das Haus muss auf ein europäisches Niveau gehoben werden. Ein Gespräch im Staatssekretariat steht an. Wir machen hier wertvolle ehrenamtliche Arbeit, aber ein Verwalter wäre nützlich. Allein mit dem Eintrittsgeld ist das nicht zu schaffen“, hofft er auf einen erfolgreichen Ausgang des Gesprächs mit den Thüringer Politikern. Ans Aufhören denkt der 77jährige nicht. Noch lange Kraft für alles zu haben und etwas mehr Zeit für sich wünscht er sich. Seinen Sohn hat er bereits mit ins Boot geholt. Die nächste Generation sei bereit. Gedanken über eine Übergabe müsse man sich schon machen, meint er, der mit Geduld und Beharrlichkeit ein fast unlösbares Problem, wie die Restaurierung und Wiederherstellung des Hauses Schulenburg, mit Bravour gelöst hat.

( Helga Schubert, 18.12.2019 )

zurück