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Die schönsten Jahre ihres Lebens

Man nennt sie in ihrer Heimat Madgermanes. Das sind rund 15.000 Mosambikaner, die als Vertragsarbeiter aufgrund eines Staatsvertrages zwischen der ehemaligen DDR und Mosambik seit 1979 in DDR-Betrieben gearbeitet haben. Nach der Wende war diese Vereinbarung hinfällig und von den 15.000 Vertragsarbeitern ist die Mehrzahl in ihre Heimat zurückgekehrt. Der Ausdruck Madgermanes kommt von „Made in Germany“ und zeigt, dass die Landsleute diesen Rückkehrern nicht ganz wohlgesonnen sind.

Diesen Menschen, die damals in der DDR arbeiteten, ist die neueste Ausstellung im Kunstverein Gera mit dem Titel „Über die, die in Deutschland waren“ gewidmet. Kurator Christian Ganzenberg hat diese Ausstellung in seine Geburtsstadt Gera gebracht. Inspiriert wurde er durch die Arbeiten von Malte Wandel, der sich seit zehn Jahren auf die Spuren der Madgermanes in Mosambik und deren Kinder in Deutschland begibt.

Malte Wandel ist Fotograf und Filmemacher und gehört zu den Künstlern der neuen Ausstellung. Seine Recherchen manifestieren sich in sorgfältig komponierten Konstellationen aus großformatigen Fotografien und persönlichen Dokumenten, sowie in Videoinstallationen.

Die Comiczeichnerin Birgit Weyhe stellt Auszüge aus ihrer vierten Graphic Novel „Madgermanes“ aus. Nach intensiven Recherchen und zahlreichen persönlichen Begegnungen und Interviews hat sie drei fiktive Charaktere erschaffen, die ihr Leben in der DDR erzählen. Anabela, José und Basilo berichten von ihren Erfahrungen von Fremdheit, Heimat und kultureller Identität. Sie lässt in ihren Comics die Vertragsarbeiter selbst zu Wort kommen.

Dritter im Bunde ist Félix Mula. Er lebt in Maputo, der Hauptstadt von Mosambik. Der Fotograf hat sich mit der heutigen Situation der Madgermanes in seiner Heimat beschäftigt, Derzeit verfolgt er ihre Spuren von damals im heutigen Deutschland. Er reist zu den Orten, wo die Vertragsarbeiter beschäftigt waren, gewohnt haben oder heute noch leben. Seine Reiseerlebnisse dokumentiert Mula anhand von Postkarten, die er regelmäßig an den Kunstverein sendet. Dadurch entwickelt die Ausstellung Dynamik und Aktualität. Kurator Ganzenberg wollte Geschichte und Gegenwart für die Menschen in Gera aufbereiten und zeigen, dass es „Ausländer“ auch schon zu DDR-Zeiten gab. Er fragt, warum es Fremdenfeindlichkeit besonders in Ostdeutschland gibt? „Gründe für mich sind der mangelnde Kontakt und das Unwissen über fremde Kulturen. In der Ausstellung beziehen wir uns konkret auf zehn Biografien.“

Erstmalig nach 27 Jahren ist Nelson Ernesto Munheguete auf Besuch in seiner „Vertragsarbeiterheimat“. Christian Ganzenberg, die Künstler Birgit Weyhe und Malte Wandel haben ihm diese Reise ermöglicht. Der damals 20-jährige war von 1987 bis 1989 in Oschatz und arbeitete im Glasseidenwerk. Für den Textilfacharbeiter war die Zeit in der DDR, die schönste seines Lebens. „Die Gesellschaft war gut, ich habe keine Probleme mit den Menschen gehabt. Sie hatten nichts gegen die Vertragsarbeiter. Wir haben zusammen gefeiert“, erzählt er in gutem Deutsch. Heute geht es Nelson schlechter als je zuvor. Man hatte ihn in die DDR geschickt, um zu lernen und das Gelernte in seiner Heimat anzuwenden. Nichts von dem ist passiert. Vergeblich suchte er Arbeit in der Textilindustrie. Heute jobbt er im Lager vom Supermarkt und arbeitet musikalisch mit Kindern im Kindergarten. Das Geld reiche gerade so zum Leben, sagt er. Das Schlimmste an dieser Situation ist jedoch die Ungerechtigkeit, die alle Madgermanes in Mosambik vereint. Der Teil des Geldes, den die DDR als Rückzahlung durch Mosambik vom Lohn der Vertragsarbeiter einbehielt, steht ihnen eigentlich zu. Rund 100 Millionen Dollar sind von Seiten der Bundesregierung zur Deckung dieser Schulden an die Mosambikanische Regierung gezahlt wurden, doch nie bei den Madgermanes angekommen. Jede Woche demonstrieren die ehemaligen Vertragsarbeiter durch Maputo und fordern vor der Regierung Gerechtigkeit. Nelson Ernesto Munheguete ist einer von ihnen. Er läuft in der erste Reihe und trägt eine DDR-Fahne.

Bis 21. Oktober ist die Ausstellung donnerstags bis sonnabends, 12 bis 17 Uhr geöffnet, Kunstverein Gera e.V., Markt 8/9.

( Wolfgang Hesse, 16.09.2017 )

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